Interview mit Mischa, Eugen und Ihor aus Kiew

Vor den Ferien hatte ich die Ehre, drei der acht ukrainischen Schüler unserer Schule, Mischa, Eugen und Ihor, zu interviewen. Sie stammen aus der Hauptstadt der Ukraine, Kiew, und sind nun seit April 2021 am LGÖ.

Eugen und Ihor sind am 8. März 2021 aus der Ukraine geflohen. Mischa nur zwei Wochen später. Seitdem leben sie in Bad Schönborn bzw. Bruchsal mit recht viel Platz bei Gastfamilien, die so freundlich waren, sie mit ihren Müttern und Geschwistern aufzunehmen. Die Väter der Schüler leben noch immer zu Hause in Kiew und gehen auch weiterhin zur Arbeit.

Vor allem die Gastfamilien haben den ukrainischen Schülern dabei geholfen, in unserer Schule aufgenommen zu werden. Mischa erzählte, dass er und die restlichen ukrainischen Schüler an unserer Schule sehr viel Glück gehabt hätten. Viele andere Kinder aus der Ukraine müssten sehr lange warten, um an einer Schule aufgenommen zu werden. Ihnen würde dadurch das Deutschlernen erschwert. Ein Freund von Mischa schaffte es wohl erst nach acht Monaten an eine Schule.

Bezüglich meiner Frage nach den Unterschieden der ukrainischen und deutschen Schule haben die Ukrainer direkt gemeint, dass es zurzeit einen recht großen Mangel an Lehrern bei ihnen gebe. In der Ukraine sei der Beruf Lehrer sehr schlecht bezahlt und daher auch bei jungen Menschen eher unbeliebt.

Sie sprachen außerdem an, dass man in deutschen Schulen viel mehr Freiheiten hätte. So müsse man hier beispielsweise keine Schuluniform und keine ordentliche Kleidung tragen. In der Ukraine spiele das Aussehen der Schüler eine wichtigere Rolle als bei uns. Genauso sei auch die Schule an sich strenger in der Ukraine. Dort hätten die Schüler zum Beispiel nur 11 Jahre Zeit denselben Stoff durchzunehmen wie wir in 12 bzw. 13 Jahren.

Die drei Schüler sind im Moment alle in der 11. Klasse und meinen, dass ihnen vor allem naturwissenschaftliche Fächer sehr leicht fallen würden. Dies hänge möglicherweise damit zusammen, dass sie in der Ukraine den mathematischen Zug gewählt hätten, durch den sie jede Woche neun Stunden Mathematikunterricht gehabt hätten.

Sprachen, sagten sie, seien jedoch in Deutschland besser zu erlernen. Sie fanden es sehr überraschend, dass sogar die Schüler und Schülerinnen der IMP-Klassen mindestens zwei Fremdsprachen könnten und berichteten, dass sie in ihren Schulen mit dem mathematischen Zug nur Englisch und ein wenig Deutsch in der Schule lernen könnten. Russisch hätten sie außerhalb der Schule gelernt, um sich mit anderen Menschen, überwiegend älteren Personen, die in der Sowjetunion aufgewachsen seien, zu verständigen.

Die Ukraine sei gerade in einer kritischen Phase, erklärten sie mir. Vor allem jüngere Menschen müssten sich entscheiden, ob sie lieber Russisch oder Ukrainisch reden würden. Für die ukrainische Kultur sei es der Untergang, wenn jeder nur noch auf Russisch reden würde.

Für sie selbst stehe gerade das Deutschlernen im Vordergrund. Ihrer Meinung nach sollte man auf jeden Fall Deutsch sprechen können, wenn man in Deutschland leben möchte. Ihnen ist ein offener Umgang mit Deutschen sehr wichtig. Deshalb lernen sie täglich unsere Sprache.

Ihr Ziel sei es, das Niveau C1 der deutschen Sprache zu erhalten, damit sie in Deutschland studieren könnten. Nach diesem Schuljahr würden sie ihren ukrainischen Abschluss haben, mit dem sie an deutschen Universitäten studieren könnten.

Da der ukrainische Schulabschluss in Deutschland nicht gleichwertig anerkannt werde, müssten ukrainische Schüler zuerst ein Jahr überbrücken, bevor sie an der deutschen Universität studieren könnten. Dies würden auch schon manche Schüler machen, die bei uns an der Schule gewesen seien. Einige würden zusätzlich online an einer ukrainischen Universität studieren.

Auch Ihor hat täglich ukrainischen Onlineunterricht. Weil er die deutsche Schule besucht, ist er bei diesem nicht anwesend. Er hat jedoch die Verpflichtung, Hausaufgaben zu machen sowie Klausuren mitzuschreiben, da er noch immer plant, den ukrainischen Abschluss zu absolvieren. Im LGÖ bekommen die Ukrainer keine Noten oder Zeugnisse.

Auf meine Frage, was sie in Deutschland am meisten überrascht habe, wussten sie zuerst gar nicht, was sie so richtig sagen könnten. Sie meinten, sie würden hier jetzt schon seit einem Jahr leben, sodass sich das deutsche Leben in ihren Alltag etabliert hätte.

Das Einzige, was sie auch noch immer überraschen würde, sei die deutsche Unpünktlichkeit. Bevor sie nach Deutschland gekommen seien, hätten sie gedacht, dass Deutsche und auch deren Verkehrsbindungen sehr pünktlich seien. Mittlerweile hätten sie anhand der Deutschen Bahn feststellen können, dass das Ganze nur ein Klischee war.

Sie erklärten, dass man in den meisten Städten der Ukraine nicht großartig mit Zügen fahren könne. Zumindest würde man eine Strecke wie von Mingolsheim nach Malsch eher mit dem Bus oder dem Auto antreten. Zum Beispiel würden sie in der Ukraine mit dem Auto zur Schule fahren. Nur weitere Strecken ließen sich mit einem Zug fahren. Zudem meinten sie, seien die Verkehrsbindungen in der Ukraine weniger umfangreich als in Deutschland. Trotzdem seien diese in der Ukraine um einiges pünktlicher und zuverlässiger. Das könnten sie nun schon häufig morgens auf dem Weg zum LGÖ feststellen.

Trotz der enttäuschenden Unpünktlichkeit würden sie sich in Deutschland recht wohl fühlen. Vor allem an deutsche Gerichte wie Weißwürste und Berliner könnten sie sich gewöhnen.

Sie wären trotzdem sehr gerne wieder zu Hause, da sie das Stadtleben, das sie von Kiew gewohnt sind, und ihre Verwandten sehr vermissen und eigene nationale Gerichte wie Varenyky (süße Teigtaschen) und Kiewer Kotelett (Hühnchenbrustfilet) auch gerne mal wieder verzehren würden.

[2] Varenyky
[3] Kiewer Kotelett

 

Bildquellen:

[1] Foto: Hannah Frey
[2] https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/bf/Varenyky_Ukrainian.jpg/1200px-Varenyky_Ukrainian.jpg
[3] https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/08/Chicken_Kiev_-_Ukrainian_East_Village_restaurant.jpg/330px-Chicken_Kiev_-_Ukrainian_East_Village_restaurant.jpg

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