Der Ukraine-Konflikt: Ein Stimmungsbild

Dieser Artikel beinhaltet diverse Aussagen von verschiedenen Menschen, welche sich angesichts der Lage geäußert und ihre Gedanken bezüglich derer hier mit uns teilen.

Mittlerweile hat dieses Thema wohl jeden erreicht: der Ukraine-Konflikt. Er scheint fast ein wenig unwirklich; gerade jüngere Menschen, die noch keine derartigen Erfahrungen machen mussten, werden momentan gänzlich aus ihrer für gewöhnlich so ruhigen, konstanten Bahn geworfen. Doch auch für ältere Personen stellt diese Wendung in der Geschichte eine schmerzhafte Erfahrung dar: Zurück in ehemalige Zeiten geworfen zu werden, verunsichert zahllose Menschen und lässt diese in einer beinahe ohnmächtigen Hilflosigkeit zurück.

Auch ich komme kaum umhin, mein Klassenzimmer zu betreten, ohne etwas Neues über die Ukraine zu hören. Es ist schlichtweg zu einem der wichtigsten Themen zu diesem Zeitpunkt geworden (meiner Impression nach), und ich bezweifle, dass der Gesprächsstoff bereits das Potential hat, zu versiegen. Die täglichen Sorgen und Ängste begleiten uns alle und obgleich dies manche offensichtlich weniger stark als andere betrifft, finde ich es wahrlich beeindruckend, wie sehr der Krieg uns alle direkt anspricht. In meiner Bekanntschaft sind zahlreiche Menschen, die von diesem Thema sehr stark betroffen sind und dies auch öffentlich zeigen. Allein die starke Teilnahme an unserer „Fünf Minuten für den Frieden“-Aktion berührt mich und verschafft mir, ist es doch nicht relevant für das Kriegsende, ein Gefühl des Vertrauens und Zusammenhalts. Selbstverständlich mag dies keinem der Ukrainer oder Russen helfen, jedoch bin ich persönlich der Ansicht, dass Friedensaktionen die inneren Unsicherheiten reduzieren und möglicherweise sogar dabei Unterstützung leisten, dass zum Beispiel Spenden eintreffen oder Hilfsaktionen geplant werden.

Doch auch ich habe sowohl Sorgen als auch Ängste: Wie lange wird der Krieg weitergehen? Was wird noch passieren? Welche Seite wird noch wie viele Verluste verkraften müssen? Laufen wir Gefahr, einen Dritten Weltkrieg zu erleben? Zwar mögen deutlich mehr Fragen existieren, doch diese können weder beschwichtigt noch beantwortet werden. Ist man auf der Suche nach Antworten auf ebendiese gerade genannten Erkundigungen, ist es vermutlich schwierig, klare Erwiderungen darauf zu erhalten. Selbst die intelligentesten, erfahrensten Experten können natürlich nicht mit Sicherheit voraussagen, was in der Zukunft noch auf uns zukommt, obgleich sie dies wohl nur allzu gerne täten. Auch ich werde mir nicht anmaßen, meine teilweise naiven und auf keiner festen Basis aufgebauten Vermutungen an den Tag zu legen. Ich kann diese Fragen genauso wenig wie andere beantworten.

Dennoch wird anhand der entstehenden Gespräche das wesentliche Gedankengut vieler Personen klar. Dies bezieht sich keinesfalls nur auf Jugendliche beziehungsweise meine Altersklasse, sondern auch auf Lehrkräfte, adulte Bekannte oder selbst diverse Großeltern. Niederschlagend häufig höre ich von Panik vor einer Atomkatastrophe, zum einen bezogen auf Tschernobyl und zum anderen auf den möglichen Einsatz von Atomwaffen. Ferner ist es für viele Menschen, mich (wie bereits erwähnt) eingeschlossen, nicht möglich, die direkte Gefahrenlage konkret abzuschätzen. Da dies jedoch eine der verbreitetsten Fragen zu sein scheint, ist es relevant, Zugang zu einer Einschätzung auf professioneller Basis zu haben.

Der russische Angriff auf die Ukraine wirft auch die Frage nach der Sicherheit der dortigen Kernkraftwerke auf, insbesondere da das größte Kraftwerk, Saporischje, sowie die Anlage in Tschernobyl von russischen Truppen besetzt wurden. Während der akuten Kämpfe um Saporischje wurde ein Nebengebäude in Brand gesetzt, das eigentliche Kraftwerk wurde nicht beschädigt. Tschernobyl ist seit der Katastrophe 1986 stillgelegt, der zerstörte Reaktor ist seit 2017 von einer Schutzhülle umgeben. Die abgebrannten Brennstäbe der anderen Reaktoren werden in von elektrischen Pumpen betriebenen Abklingbecken gekühlt. Zwischendurch war dort der Strom ausgefallen, die notwendigen Kühlpumpen mussten mit Notstromaggregaten betrieben werden. Inzwischen wurde die Stromleitung repariert.

Welche Gefahren gibt es? Zerstörungen an den Reaktorhüllen durch Beschuss sind eher unwahrscheinlich, viel gefährdeter sind die Kühlsysteme. Würden diese zerstört werden und die Kühlung ausfallen, würde das Kühlwasser verdampfen, es käme zu einer Kernschmelze und große Mengen an radioaktivem Material würden austreten und die Umgebung verseuchen. In Tschernobyl ist die Situation etwas anders: Laut IAEA seien die Abklingbecken für die abgebrannten Brennstäbe groß genug, um auch bei Stromausfall ohne Pumpen zu funktionieren. Durch Bombardierungen könnte allerdings radioaktives Material in die Umgebung gelangen. Würde die Schutzhülle des zerstörten Reaktors beschädigt, so würden ebenso größere Mengen radioaktiven Materials in die Umgebung gelangen. Wie weit, hängt vom Wind und Regen ab, ob das bis zu uns reichen könnte, lässt sich nicht eindeutig sagen.“
~Stanislaw de Vincenz, Physiklehrer des LGÖ


Doch auch die positiven Aspekte müssen beachtet werden. Offensichtlich gibt es in solch einer Krisenzeit wenig Positives, besonders nicht für Geflüchtete, aber dennoch gibt es noch Menschliches, das nicht außer Acht gelassen werden darf.

In solchen Zeiten scheint es auf eine besondere Art für (fast) jedes Individuum essenziell zu sein, die Gemeinschaft oder den Zusammenhalt zu spüren oder wenigstens gedanklich etwas dazu beizutragen. Sichtbar wird dies an zahlreichen Hilfsaktionen für geflüchtete Ukrainer und Ukrainerinnen, Spendensammlungen für Schulen oder Kindergärten, Anti-Kriegs-Demonstrationen sowie stillen Gedenkzeiten (wie die „Fünf Minuten für den Frieden“, die jeden Mittwoch am LGÖ abgehalten werden), in denen sich verzweifelte Wünsche in den teilnehmenden Individuen formen und in ihren Gedanken verweilen. Es scheint kaum möglich, einige Gespräche ohne Erwähnung der Krise mitanzuhören, geschweige denn beruhigt und alles ignorierend dem Alltag nachzugehen. Beeindruckend groß ist die Mitanteilnahme an den Sorgen und Ängsten der Menschen, welche aktuell mit einer akuten Notsituation kämpfen und auf Besserung hoffen müssen.

Die meisten Teilnehmer dieser Friedensappelle mögen unterschiedliche Gedanken haben, doch die Essenz der Hoffnung ist trotz all der verschiedenen Charaktere ähnlich. Wie oft höre ich Sätze wie den folgenden, lediglich dazu gedacht, Frust sowie inneren Wünschen Ausdruck zu verleihen. Dies ist verständlich und treibt vermutlich auch viele um. Demnach sind alle hier willkommen, sich etwas zu wünschen und zu hoffen.

Ich finde es schlimm, dass so etwas passiert und mein Mitgefühl ist bei allen Menschen, die deshalb ihr Leben aufgeben müssen.“
~Schülerin der 10. Stufe

Mit Sicherheit wirkt das Engagement für unsere Verhältnisse geradezu überwältigend. Auch ich bin äußerst positiv überrascht: Besonders die jeweiligen Aktionen in den großen Pausen, welche von Klassen organisiert werden und der Spendensammlung dienen, scheinen sehr gut angenommen zu werden und bewirken durch das Spenden tatsächlich unmittelbar etwas in Krisengebieten. Läuft man durch das Schulgebäude, fallen einem mit Sicherheit die kleinen oder großen Zeichen für den Frieden auf – seien es bunte Vögel über den Bänken im Vorraum, fliegende Friedenstauben an den vorderen Glasscheiben, Leinwände mit Wünschen für die Ukraine oder ein wahrhaftig enormes, blau-gelbes Peace-Zeichen in der Mitte der Aula; besonders die jüngeren Klassen zeigen mit ihren Lehrern, wie sie mit der Situation umgehen und etwas Beeindruckendes für alle schaffen können. Etwas, das einen stets daran erinnert und (glücklicherweise) nicht zulässt, die Thematik einfach vollends aus den Gedanken zu verdrängen.

Besonders mir fällt zuweilen auf, wie auf den Friedenstauben nicht nur Sätze wie „Pray for Ukraine“, sondern auch Formulierungen wie „Unite“ oder „No war, […] no difference“ stehen. Manchmal bekomme ich mit, wie auch ältere Schüler russische Menschen diskriminieren und als „Verantwortliche für den Krieg“ bezeichnen. Hier kommt man ins Denken. Wie stets gesagt wird, haben [jüngere] Kinder einen „unschuldigeren“ oder „unerfahreneren“ Blick auf die Welt, da sie schlichtweg weniger Erfahrungen gemacht haben als ältere Menschen. Es muss jedoch angemerkt werden, dass das Prinzip des Hasses dort ebenfalls variiert: Natürlich, der Nächstschuldige (in diesem Fall Putin) hat Schuld, aber nicht dessen gesamtes Umfeld (die Gesamtheit des russischen Volks). Mich trifft es, dass zuweilen Personen einfach nur aufgrund ihrer Herkunft missachtet werden. Schließlich ist es nicht zwingend das russische Volk, das Krieg möchte, sondern lediglich Wladimir Putin und dessen Anhänger. Dass die Kinder sowohl die Ukraine als auch Russland auf den Friedenstauben vereinen, erscheint mir nur richtig. Gegen andere zu hetzen, um eigene Unsicherheiten zu verbergen, ist und bleibt die falsche Methode. Falls die Einsicht dessen nicht gekommen ist, lege ich hier ein Zitat einer Russin dar, welche einen sehr offensichtlichen Standpunkt in dem Geschehen einnimmt.

Wenn ich an die Situation in der Ukraine denke, empfinde ich Schmerz, Wut und ein Gefühl absoluter Machtlosigkeit. Ich halte Putin für einen skrupellosen Mörder und Aggressor. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, was in den Köpfen der Menschen vorgehen muss, die seine teilweise frei erfundenen Geschichten glauben. Da Russisch meine Muttersprache ist, habe ich die Möglichkeit, Informationen aus den westlich orientierten russischen Medien, den russischsprachigen ukrainischen Medien und den putintreuen Medien zu vergleichen. Die Macht der postsowjetischen Propaganda macht einem unendliche Angst. Es ist schrecklich, dass die ganze Welt direkt oder indirekt unter der Paranoia einer Person leiden muss und dass kein Ende dieses Horrors in Sicht ist. Während ich das aufschreibe, sitze ich bei schönstem Wetter im Garten, schaue meinen Kindern beim Trampolinhüpfen und meinem Mann beim Beschneiden der Rosen zu. Der Himmel ist blau und friedlich, wir sind satt und zufrieden, haben Corona gut und ohne Schäden überstanden und machen Zukunftspläne. Darf ich mich glücklich fühlen? Wenigstens kurz?“
~E.F. [anonym]

Mir fällt es, wie vielen anderen wohl auch, sehr schwer, meine Gefühlslage demgegenüber klar und eindeutig zu formulieren. All die ungewohnten Eindrücke scheinen so unbeschreiblich, wortlos. Vermutlich ist es naiv, das anzunehmen, aber auch mir schien ein Krieg derart fern, dass ich den Nachrichten erst einmal nur schwer Glauben schenken konnte. Ich habe niemals eine derartige Situation in Europa erlebt, wodurch ich überfordert und verunsichert bin. Nun ist sie hier und wir alle müssen unsere Art finden, damit umzugehen.

Jedoch sollte man eines niemals vergessen: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Mein herzlichstes Beileid gilt all denen, die ihr Leben lassen mussten, und ich wünsche all denen in Not den Frieden, den sie verdienen.

An dieser Stelle lasse ich etwas anderes für mich sprechen, das mein wesentliches Gedankengut über die unheimliche Stärke der Ukraine zusammenfasst. Die Interpretation obliegt Euch und Ihnen.


„Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts.“
~Willy Brandt

An den Frieden denken heißt, an die Kinder denken.“
~Michail Gorbatschow

Slava Ukraini und Frieden für die Welt.

 

Bilder: A. Spencer

Weitere Beiträge

Don & Titu – Auf der Suche nach der wahren Schönheit

Genervt schloss Don die Wohnungstür auf. Schon wieder wurde er von den Kindern aus seiner Klasse geärgert. Wieder hatten sie gesagt, dass seine Kleidung hässlich sei. Don schmiss sich auf sein Bett und begann, sein Lieblingsbuch zum hundertsten Mal zu lesen. Es ging um einen Jungen und einen Drachen in einer Welt ohne Probleme, die einfach ihr Leben lebten und ständig neue Abenteuer erlebten. „Wie gern ich dieser Junger wäre, niemand sagt ihm wie blöd oder hässlich er ist, sein Leben ist perfekt!“, dachte Don.

Schlechte Noten – Was nun?

Jetzt nach den Osterferien fängt wieder diese Phase an, die wohl kein Schüler mag. Alle Arbeiten werden kurz nacheinander geschrieben. Oft sogar mehrere in einer Woche. Jede dieser Arbeiten erfordert Zeit und Aufwand zur Vorbereitung. Da kann es schon mal passieren, dass man nicht all das schafft, was man eigentlich für eine Arbeit lernen wollte. Oder man ist einfach überfordert mit einem Thema. Und das heißt am Ende, dass die Note, die unter der Arbeit steht, nicht so ist, wie man es sich wünscht.

Ostern – das wichtigste Fest des Christentums

Am 17. April ist wieder Ostersonntag. Jeder feiert dieses Fest auf seine Art, hat seine eigenen Bräuche und Traditionen. Manche Familien gehen in die Kirche, andere bemalen, verstecken und suchen Eier oder Ähnliches. Aber worauf geht Ostern eigentlich zurück? Welche Bedeutung haben die verschiedenen Tage für Christen? Welche Bräuche und Traditionen gibt es in Deutschland und in anderen Ländern? Und natürlich: Was soll man an Ostern essen?

Scroll to Top