Zwischen Angelbachtal und Amerika – Nachfahrin des Revolutionärs Friedrich Hecker am LGÖ

Artikel geschrieben von Mia Hozova und Ophelia Rödler aus der Klasse 10d

 

 

 

 

 

Amerika hautnah erleben kann man wohl kaum besser, als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten selbst zu besuchen. Oder man hat das Glück wie einige Auserwählte (die Klasse 11d sowie der Englisch- und der Geschichts-LK der Jahrgangsstufe 2), eine waschechte Amerikanerin über ihren Alltag ausfragen zu können.

Am 20. Mai kam die Amerikanerin Lauren Hecker an unser Gymnasium, um sich von Fragen der Schüler löchern zu lassen und den Alltag in Deutschland  mitzuerleben.

Die Verbindung zum vermutlich aus amerikanischer Sicht abgelegenem Angelbachtal hat sie durch ihren Ur-Ur- Großvater Friedrich Hecker. Der gebürtige Angelbachtaler war 1848 Anführer der Revolution in Baden, dem sogenannten „Heckeraufstand“. Dieser diente der Durchsetzung einer parlamentarischen Demokratie, von der der Radikaldemokrat überzeugt war. Nach dem Scheitern des Marsches, floh Friedrich in die USA nach St. Louis, Missouri.

In Cincinnati, Ohio wohnen auch noch heute die Nachfahren von Hecker, zu denen die Gemeinde Angelbachtal Kontakt aufgebaut hat. Zusammen konnte man sogar einen „Friedrich-Hecker-Memorial-Day“ für die gesamte Stadt St. Louis einführen.

Aber genug trockene Geschichte, denn wer kann uns besser mit nach Amerika nehmen als Lauren Hecker selbst. Wie Friedrich Hecker wirklich war, ob das Leben in Amerika so wie in den Filmen ist und welche Klischees über die Amerikaner wahr sind? – Wir haben es für euch herausgefunden.

Post-It: Wie kam es zu deinem Aufenthalt hier in Deutschland?

Lauren Hecker: Der Kontakt zur Angelbachtaler Gemeinde entstand durch meine deutschen Wurzeln: Mein Ur-Ur- Großvater Friedrich Hecker stammt ursprünglich aus Angelbachtal.

Post-It: Wie hast du über eure Verwandtschaft zu ihm herausgefunden?

Lauren Hecker: Ich habe meine Eltern und Familie über ihn sprechen hören. Dann habe ich das erste Mal Angelbachtal besucht, um mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Danach bin ich noch ein paar Mal zurückgekommen, denn ich wollte mich noch mehr mit meiner Kultur, Friedrich und der Revolution, die er angeführt hatte, beschäftigen.

Post-It: Wie fühlt es sich an, mit einer historischen Persönlichkeit verwandt zu sein?

Lauren Hecker: Es ist wirklich faszinierend. Besonders, da ich auf eine spezielle Weise mit der deutschen Kultur verbunden bin. Ich mag es sehr.

Post-It: Aber Friedrich Hecker war nicht nur Revolutionsführer in Deutschland, er hat sich auch in Amerika politisch engagiert. Er hat sowohl Abraham Lincoln bei den Wahlen unterstützt als auch im Bürgerkrieg gekämpft.

Lauren Hecker: Ja. Es ist toll, dass er seine Träume auch bei uns in Amerika weiter verfolgt hat, und nie aufgehört hat, für seine Meinung zu kämpfen.

Post-It: Denn nachdem die Revolution, die Friedrich angeführt hatte, gescheitert war, kämpfte er in Amerika weiter. Was sagt das über seine Persönlichkeit aus? Was können wir von ihm lernen?

Lauren Hecker: Er ist ziemlich mutig und sehr entschlossen. Nicht viele Leute wollen Anführer sein, denn es ist leichter zu folgen. Der Fakt, dass er in Deutschland scheiterte und es trotzdem in den Staaten wieder versuchte, zeigt, dass man niemals aufgeben sollte. Versuch es weiter!

Post-It: Wenn du ihn heute treffen würdest, was würdest du ihm sagen oder fragen wollen?

Lauren Hecker: Ich würde ihn fragen, wie er den Mut gefunden hat, radikal gegen das damalige System vorzugehen, und eine Bewegung zu starten, um die Gegebenheiten zu ändern und etwas Neues auszuprobieren.

Post-It: Glaubst du, Friedrich Hecker wäre stolz, den Fortschritt der Demokratie und Freiheit hier in Europa und auch in der USA zu sehen?

Lauren Hecker: Ich denke, Friedrich wollte, dass die Menschen sich frei äußern dürfen, und die Regierung nicht einfach über uns hinwegbestimmen kann. Ich habe beispielsweise in Amerika heutzutage das Privileg, zu tun und zu sagen, was ich möchte. Er wäre bestimmt glücklich, zu wissen, dass wir heutzutage viele Rechte und Freiheiten haben.

Post-It: Was ist von Friedrich Hecker heute noch vorhanden?

Lauren Hecker: Bei uns in Cincinnati oder St. Louis, Missouri gibt es diverse Statuen und Denkmäler von ihm. Dadurch, dass er vor sehr langer Zeit gelebt hat, haben wir in unserer Familie aber leider keine Erinnerungsstücke.

Während ihres aktuellen Aufenthaltes in Deutschland wohnt Lauren bei der Bürgermeister-Familie Werner aus Angelbachtal. Hier hilft sie dem Bürgermeister im Rathaus. Der Rest ihrer Familie kommt im Juli nach Angelbachtal, und Lauren unterstützt auch tatkräftig die Planung dieses Besuchs.

Für Ausländer – besonders für Amerikaner – wirkt das Leben hier bei uns sicher manchmal anders und vielleicht auch etwas seltsam. Lauren teilt uns ihren Blickwinkel auf Deutschland und die USA mit.

Post-It: Was hat dich am meisten überrascht, als du das erste Mal nach Deutschland gekommen bist?

Lauren Hecker: Ich hatte noch nie zuvor Sprudelwasser getrunken, das war ziemlich überraschend. Zudem gibt es in Amerika überall zu jedem Getränk Eiswürfel. Ich habe festgestellt, dass dies hier leider nicht so üblich ist. Das Essen ist auch anders, aber sehr lecker. Und hier läuft man viel mehr, in den Staaten nehmen wir auch für sehr kurze Strecken meist das Auto.

Post-It: Welche amerikanische Tradition kennen die meisten von uns Deutschen nicht?

Lauren Hecker: Ich glaube viele können sich nicht vorstellen, wie wir den Amerikanischen Unabhängigkeitstag feiern, der 4. Juli. Dieses Jahr ist sogar der 250-jährige Geburtstag der USA, wir sind wirklich ein sehr junges Land. Wir machen Grillpartys und verbringen einfach Zeit draußen mit der Familie und Freunden. Und wir lieben unseren American Football!

Post-It: Welche Vorurteile und Klischees würdest du sagen sind über die Amerikaner korrekt und welche stimmen nicht?

Lauren Hecker: Das ist eine gute Frage. Viele denken, Amerikaner seien weniger gebildet bzw. seien etwas dumm. Ich finde, es stimmt und es stimmt auch nicht. Natürlich gibt es Regionen, wo Menschen schlauer oder ungebildeter sind.

Aber Amerikaner sind sehr innovativ. Wie das selbstfahrende Auto von Tesla oder Appel. Wir waren auch die ersten Menschen auf dem Mond. Das zeigt, dass wir auch sehr schlaue Leute haben.

Manche  Amerikaner denken aber, wir wären der Mittelpunkt des Universums.

Viele Menschen sagen auch,  dass wir nur ungesundes Essen zu uns nehmen, und das ist leider wirklich wahr. Es ist nicht so frisch wie hier in Europa, überwiegend industriell produziert und mit vielen Zusatzstoffen.

Man könnte auch bestätigen, dass wir sehr laut und sehr höflich sind. Wir mögen Smalltalk und sind wirklich gesprächig.

Post-It: Gibt hier in Deutschland etwas, das du auch gerne in Amerika hättest?

Lauren Hecker: Ich liebe es, dass ihr in wenigen Stunden in andere Länder fahren könnt. Mit anderem Essen, anderer Kultur und manchmal sogar anderer Währung. Wo ich herkomme, kannst du stundenlang fahren und es fühlt sich immer noch gleich an. Ich glaube, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wir cool es ist, so nah an anderen Ländern zu wohnen.

Post-It: Was würdest du von Amerika hier herbringen, wenn du könntest?

Lauren Hecker: Klimaanlagen. Das wäre praktisch. Sonst finde ich es gut, so wie es ist. Wenn ich aber im Gegensatz etwas von Deutschland nach Hause mitnehmen könnte, wären es die öffentlichen Transportmittel. Die alten Gebäude natürlich auch, die Schlösser und altertümlich-historischen Sachen, die wir einfach nicht haben. Ich würde mir wahrscheinlich mehr Dinge von Europa in die Staaten mitnehmen als andersherum.

Post-It: Was würdest du in Amerika ändern?

Lauren Hecker: Wie ihr in den Nachrichten wahrscheinlich schon gesehen habt, sind die USA momentan sehr politisch gespalten. Es gibt keine richtige Mitte und man muss sich für die eine oder andere Seite entscheiden. Ich wünschte, es gäbe mehr Mittelwege in unserer Politik.

Man sollte vielleicht auch die Waffengesetze verschärfen. Es ist wirklich einfach, eine Waffe in die Hände zu bekommen. Ich denke es sollte nicht so sein.

Und mehr öffentliche Verkehrsmittel würden das Leben in den Staaten auch erleichtern.

Post-It: Wie sieht es mit dem Sport in Amerika aus?

Lauren Hecker: Wir schauen natürlich viel. Vor allem American Football, Basketball, etc. In den Schulen gibt es natürlich dementsprechend auch viel Sport, wie ihr es aus den Filmen kennt. Die coolen Kids in der Schule spielen Football oder sind Cheerleader. Aber es gibt auch andere AGs wie Chöre, Bands, Theater oder Fotografie.

Post-It: Welche Serie oder welcher Film würdest du sagen zeigt die USA am realistischsten?

Lauren Hecker: „High School Musical“ wäre ein guter Film, obwohl wir natürlich nicht ständig singen. Oder „Riverdale“, „Hannah Montana“ und „Gilmore Girls“. Es gibt sehr viele.

Post-It: Was sollte ein Deutscher wissen, bevor er die USA besucht?

Lauren Hecker: Dass man nicht überall hinlaufen kann, wie ich schon erwähnt habe, und dass man dadurch auf ein Auto angewiesen ist.

Es kann in Supermärkten auch überraschend sein, wenn man für jeden Einkauf eine Plastiktüte bekommt. Es gibt bei uns auch generell nicht so viel Recycling, man bekommt zum Beispiel kein Pfand für die Flaschen.

In der USA geht man auch eher in Restaurants oder Fast-Food-Läden. Man würde in den Supermärkten gar nicht alle Zutaten bekommen, wenn man bestimmte Sachen kochen wollte.

Post-It: Wenn du wieder zurück nach Hause fliegst, was wird das Erste sein, das du deiner Familie oder Freunden von diesem Trip erzählst?

Lauren Hecker: Ich mochte es, dass alle so freundlich waren. Die Familie Werner hat sich sehr um mich gekümmert, damit ich mich willkommen fühle. Auch wie man diesen Besuchstag an der Schule für mich organisiert hat.

Ich bin sehr dankbar, einen Einblick in euren Alltag zu bekommen. Es war ein außergewöhnlicher Ausflug.

Post-It: Vielen Dank für das Interview und noch eine schöne Zeit in Deutschland!

Einen großen Dank an Lauren Hecker für das informative Interview, die interessanten Einblicke und ihre große Geduld mit unserem Englisch. Ein Dank geht auch an Herrn Reinbold, der dieses Interview überhaupt möglich gemacht hat. Und an Tamina Werner, die Lauren mit an unsere Schule genommen und uns beim Interview tatkräftig unterstützt hat.

Bildquelle:

Heckerhaus in Eichtersheim Von Rudolf Stricker – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2117146

St Louis, Missouri, Gateway Arch Von JNEM Media Services (part of the National Park Service) – Image from National Park Service website), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6029415

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9f/Hecker_uniform.jpg

https://img.freepik.com/fotos-premium/amerikanische-und-deutsche-flaggen-ueber-blauem-himmel-konzept-der-diplomatie-vereinbarung-internationale-beziehungen-handelsgeschaeft-zwischen-den-usa-und-deutschland-3d-rendering_454047-11369.jpg?semt=ais_hybrid&w=740&q=80

Foto: Frank Reinboldt

Das Bild zeigt Ophelia Rödler (10d), Tamina Werner (JS2), Lauren Hecker, Susanne Christ, Mia Hozova (10d)

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