Zeitzeuge Kurt Maier am LGÖ

„Ich brauche nichts, morgen Abend sind wir wieder daheim“
Zeitzeuge Kurt Maier über die Deportation nach Gurs

Die 70 Schülerinnen und Schüler aus den Klassen 10 , 11 und 12 lauschten gebannt den Worten von Kurt S. Maier, der – bereits zum zweiten Mal – am Leibniz-Gymnasium über seine Kindheit in Kippenheim und deren abruptes Ende am 22. Oktober 1940 berichtete. Der heute 88-jährige besucht jedes Jahr im Oktober rund 10 badische Schulen, um mit den jungen Leuten über die Erfahrungen seiner Jugend ins Gespräch zu kommen.

Kurt Maier lebt heute in Washington D.C., wo er nach wie vor seiner Arbeit als Bibliothekar nachgeht. Sein Vortrag zeigt anhand von zahlreichen Fotos zum einen das Leben seiner Familie im Schwarzwaldort Kippenheim, zum anderen belegen Dokumente wie Ausweise („ID’s“) oder Schiffsfahrkarten die dramatische Geschichte der in letzter Minute geglückten Auswanderung nach Amerika. Dazwischen lag die Deportation in das Internierungslager in Gurs am Westrand der Pyrenäen im damals noch unbesetzten Teil Frankreichs. Genau darauf zielte auch eine Frage aus dem Kreis der Schüler ab – wieso konnten deutsche Juden in einem französischen Lager gefangen gehalten werden? Kurt Maier gab die Antwort: Auch das Vichy-Regime arbeitete mit Nazi-Deutschland unter dem großen Druck der militärischen Bedrohung zusammen.

Der Vortrag von über 60 Minuten Dauer befasst sich zu einem großen Teil mit dem Leben des jüdischen Jungen Kurt in einem deutschen Dorf zu Beginn der Nazi-Herrschaft. Er erinnert sich an die vielen Verwandten, an die Schulzeit, an die Nachbarn. Nur hin und wieder habe er die Anfeindungen gegen Juden mitbekommen; seine Eltern hätten in Anwesenheit der Kinder nicht darüber gesprochen. Aber vom „bösen“ Nazi, dem Postbeamten im Ort, habe er schließlich auch Beschimpfungen gehört. Und er belegt mit Fotos, wie die deutsche Bevölkerung untätig zusah, als jüdische Männer am 9. November 1938 wüst beschimpft, misshandelt und durch Baden-Baden getrieben wurden – und wie sie zugeschaut hat, als er selbst und seine Familie am frühen Morgen des 22. Oktobers 1940 aus ihrem Haus in Kippenheim geholt und mit einem Lastwagen abtransportiert wurden. Kurt Maier schildert beim Blick auf ein Foto, wie der alte Herr, der dort ohne Gepäck zu sehen sei, gesagt habe: „Ich brauche nichts, morgen Abend sind wir wieder daheim“ – und wie er genau wie alle anderen Leidensgenossen nie wieder nach Hause gekommen sei: Die Nazis setzten alle „transportfähigen Juden“ einfach in Züge, die sie verschlossen und auf die dreitägige Reise nach Südwestfrankreich schickten.

Wie er sich in Deutschland fühle, fragte einer der Schüler abschließend. Gegen die heutige Generation habe er nichts, aber gegenüber den damaligen Akteuren empfinde er durchaus Hass, so Kurt Maier. Er glaube jedoch nicht, dass es wieder so schlimm werden könne wie damals.
Im Anschluss besuchte er noch das Mahnmal für die beiden aus Östringen deportierten jüdischen Bürger sowie die Gustav-Wolf-Galerie, beides in unmittelbarer Nähe des Gymnasiums.

(S. Christ)

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